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Bipolare Tour mit Avatar des Jahres

Zehn Trailrider waren in der ersten Augustwoche unterwegs, um im Angesicht der Berg-Riesen Mont Blanc, Gran Paradiso und Gran Combin eine Runde zu drehen. Angesagt waren drei alpine Übergänge auf 2500, 2600 und 2800 müM und dazwischen ein munteres schweiz-italienisches Auf und Ab, bei dem an jedem Tag eine Höhe von mindestens 2300 müM erreicht wurde.

Der erste halbe Tag von Martigny bis nach Champex Lac offenbarte schon, dass dieses Jahr alles bi-polar sein wird. Nicht nur, dass wir natürlich alle fleißig nach der neuesten Trainingslehre trainiert hatten (sog. Bi-Polare Trainingszusammensetzung, vgl. DAV Panorama 3/2021), sondern wir erkannten schon nach der ersten Auffahrt, dass Bi-Polarität auch Glücksgefühle generieren kann: Nach schweißtreibender Auffahrt ein Sprung in den kalten See ergibt für alle Überlebenden ein unglaubliches Glücksgefühl 😉

Überhaupt war die gesamte Reise ausgesprochen kontrastreich (so sagte man früher, als man das Wort bi-polar noch nicht so gut kannte, klingt aber nur halb so gut…): Da war es mal nass und mal trocken, mal warm und mal kalt, es gab mehrfach extrem leckeres und einmal nur mäßiges Essen, die Unterkünfte waren sehr schön und einmal auch recht spartanisch, der Hygienebeauftragte war meist zufrieden, aber einmal schon um kurz vor 8 Uhr abfahrtsbereit vor der Tür, um möglichst schnell abzureisen.

Aber eine Konstante gab es doch: Wir waren ein tolles, eingespieltes Team! Peter hielt die Gruppe beieinander, sorgte für Unbekümmertheit und Sicherheit, brachte alles seine Schäfchen ans Ziel und bemühte sich ständig um das Wohlbefinden der ihm Anvertrauten („Christian, Du darfst ruhig schon vorfahren…“ “Ja, Wilma, Du darfst trotzdem anhalten und fotografieren…“ „Ja, Meike, bald gibt es was zum Essen …“ „Nein, Walter, Du bist nicht alt“ „Ja, Tommy, ab jetzt geht es nur noch bergab“ „Ja, Bäda, wir stellen uns auch gerne noch zu dem Gorilla und machen ein lustiges Foto“)

Für alle, die es ganz genau wissen wollen:

Abfahrt (bzw teilweise AbSTIEG) vom Gran Col Ferret

Unser erster großer Pass (Col Ferret) am Tag 2 war leider regenverhangen, windig und kalt. Theoretisch sähe man den Mont Blanc. Das war uns leider nicht vergönnt. Uns genügte der Blick aufs Val Ferret und die Gletscher und Wasserfälle, die sich unterhalb der Wolken in unser Sichtfeld schoben. Das war so schon eindrücklich genug und das Zittern und Frieren schnell vergessen.

Im Val Ferret – auf der Anfahrt nach Courmayeur

Am Tag 3 bei legten wir eine extra Runde über den Col des Chavannes ein. Diese Tagestour entschädigte uns für den Vortag: Diesmal genossen wir die bunten Blumenwiesen der Auffahrt, hatten Blick auf den Mont Blanc, eine coole Abfahrt und anschließend auf dem Rifugio Elisabetta Soldini einen Grappa für diejenigen, die nicht alle Wasserrinnen unfallfrei über-schoben oder -fahren hatten 😉

Unterhalb des Col des Chavannes – Gleich kann man fahren …

Tag 4: Schon wieder ist ab 17 Uhr Regen angesagt. Und schon wieder müssen wir 1700 hm am Stück rauftreten! Wir schaffen es, unser Ziel trocken zu erreichen und übernachten auf 2300 müM im Rifugio Mont Fallere, dessen Hüttenwirt mit künstlerischen Ambitionen uns schon die Auffahrt abwechslungsreich gestaltet durch Holzskulpturen aller Art, vom Neandertaler bis zur Gämse. Wir finden Edelweiße (in echt, nicht in Holz), essen vorzüglich und schlafen bestens. Es wird behauptet, dass im 6-er Pärchen-Lager nicht eine einzige Person geschnarcht hätte. Das ist schon erwähnenswert!!

Tag 5: Wir wähnen uns auf diesem Transfer-Tag abwechselnd in Irland oder der Mongolei und dann einfach nur noch im Regen. Irgendwann waten wir im Schnürlregen durch Matsch und Kuh-Dreck, dass es eine reine Freude ist. Der so erreichte Zwischenstopp (Alp de Chaligne) entpuppt sich als wunderbares Lokal mit total leckerem Essen. Ehrensache, dass wir unsere schmutzigen Sachen vor der Tür ausziehen, so dass das Aroma der Crepe mit Spinat und Käse nicht gestört wird durch Fremdeinflüsse. Wieder ein bi-polarer Tag.

Am Tag 6 nach einer Nacht im friedlichen Ollomont, wo wir vorzüglichst verpflegt werden, haben wir beste Voraussetzungen für unseren großen Tag, nämlich dem Übergang zurück auf die Nordseite der Alpen über den Col de Fenetre de Durand. Auf der Passhöhe steht man auf 2800 müM, schaut auf drei verschiedene Gletscher und fühlt sich dann doch recht klein zwischen all den Drei- und Viertausendern, die im Wallis so rumstehen. Das Wetter ist wie bestellt für diesen Tag: Trocken und stabil. Die Abfahrt ist auch vom Feinsten. Ich glaube, der Tommy konnte alles fahren, stimmt doch, oder?

Über die Unterkunft in der Cabane de Chanrion decken wir besser den Mantel des Schweigens, obwohl man schon sagen muss, dass die Lage bombastisch ist. Dennoch hebe ich lieber den nächsten Tag in Verbier hervor, an dem wir unser vorzügliches Abendmenü in einem ehemaligen Nachtclub serviert bekommen. Delicieux!! Vielen Dank für die Einladung 🙂 🙂

Panorama an der Cabane de Chanrion

Am letzten Tag der Reise (Tag8) bekommt unser Glück noch kurz einen kleinen Riss, denn bei der Auffahrt zum Croix de Coeur ist plötzlich die Straße abgesperrt. Für alle. Auch für Mountainbiker. Von 6 bis 18 Uhr. Wegen eines Rennrad-Rennens, deren Teilnehmer dort runterrasen. In einem langen Palaver wird uns erklärt, dass es leider keinerlei Möglichkeit gibt, über diesen Weg nach Martigny zu kommen. Bis mir endlich wieder der Name des Berges einfällt, an dessen Fuß wir rüberqueren wollten: Irgendwas mit Haferflocke? (flocons d´avoines?) oder mit haben (avoir?). Jedenfalls fängt er mit Peter an (Pierre). Ach so! Ihr wollt zum Pierre Avoi ?!?! Ungläubige Pause… dann: „Nehmt doch einfach die Gondel zum Croix de Coeur. Inzwischen nachgelesen: der Name dieses „Peters“ kommt von „a voire“, weil man von da oben so viel sehen kann: Das Panorama vom Gipfel ist eindrücklich: Im Süden liegt der Grand Combin, im Westen der Mont Blanc, die Aiguille du Midi und die Grandes Jorasses. Ganz am Gipfel waren wir zwar nicht, aber die Sicht war trotzdem bombastisch, die Trails (über 2000 Tiefenmeter nach Martigny) irgendwann dann auch fahrbar. Oben war´s eher so wie Meike meinte: „Neun schieben und einer hat Spaß :)“

Aber wieder hat der Guide des Jahres alles perfekt organisiert: Dort wo jemand runterfiel stand glücklicherweise genügend Gebüsch um ihn aufzuhalten, unterwegs war eine Alm mit Einkehrmöglichkeit (croutes a fromages !! ) und die aufkommende Schlechtwetter-Wolken-Nebel-Stimmung war gerade eindrücklich genug, um uns ein bisschen zu beschleunigen, aber trotzdem den Trail bis Martigny runterzufahren. Just in time, äh, juste a temps. Wir verstauen in großer Hektik die Fahrräder und Rucksäcke, fangen geschwind die vom Wind verwehten Sachen ein, einsteigen, Türen schließen, Scheibenwischer auf Höchststufe und ab nach Hause! Vorbei das Abenteuer in den Westalpen.

Es war toll! Danke an alle Mitfahrer für ihre gute Laune und positive Grundstimmung. Es hat sehr großen Spaß gemacht!

Wilma

PS Und warum sich der Guide lieber „Avatar“ nennt? Keine Ahnung … ich halt mich an dieser Stelle lieber aus der Diskussion raus 😉

3 Gedanken zu „Bipolare Tour mit Avatar des Jahres“

  1. Nach einer Woche der Erholung und der Verarbeitung von den tausend Eindrücken einer solchen intensiven Woche: Wilma und Peter haben uns in einen Teil der Alpen geführt, in dem Mountain-Biker eher eine seltene Spezies sind, da die Berge einfach recht hoch sind und damit auch die Auffahrten… Aber es hat sich immer gelohnt, es ist schlicht beeindruckend und ich wurde echt demütig, so etwas zu “erradeln”. Für mich gab es in der Woche viel mehr als zwei Pole, es waren zeitweise ganz andere Dimensionen! Ganz herzlichen Dank an die Planer und an alle Teilhaber dieser gemeinsamen Erlebnisse!!

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